Dekoratives Ensemble
- Autorin: Marie Bruun Yde
- Fotos: Dennis De Smet
Collectief Noords sozialer Wohnungsbau in Luchtbal Zuid in Antwerpen greift die Qualitäten der benachbarten Großwohnsiedlungen auf und ergänzt sie mit belgischer Coolness und klaren städtebaulichen Prinzipien zur Wertschätzung des alltäglichen und gemeinschaftlichen Lebens.

Luchtbal liegt nördlich des Zentrums von Antwerpen, eine Schlafstadt-Insel aus großen, modernen Gesten, eingeklemmt zwischen Einfallstraße, Bahngleisen und Autobahn. Antwerpen wächst, wird erweitert und es stehen hier große, offene Flächen zwischen den Wohnsiedlungen der Nachkriegszeit zur Verfügung. Private Investoren sind aber schwierig anzulocken, außerdem fehlt politisches Engagement, weshalb – statt gemischter Wohnformen oder neuer Funktionen – vor allem weitere soziale Wohnungsbauten entstehen. Einen davon hat Collectief Noord realisert. Der Name des Antwerpener Architekturbüros ist Programm: Das Büro hat seinen Schwerpunkt im sozialen Wohnungsbau und in der sozialen Infrastruktur.

Eine Besonderheit der weißen Klinker ist die Vorkerbung der Modulsteine mit einer Scheinfuge, die den geometrischen Charakter des Mauerwerks verstärkt.
Mitgründer Erik Wieërs ist seit 2020 flämischer Bouwmeester und setzt sich in der Rolle für gemeinschaftliche Wohnformen ein. Die neue, von der Antwerpener Wohnungsbaugesellschaft Woonhaven beauftragte Bebauung liegt direkt an der Noorderlaan. Insgesamt 73 Wohnungen verteilen sich auf drei vorfabrizierte Betonhäuser, einen Riegel, einen Turm und fünf Reihenhäuser, die sich u-förmig um einen durchlässigen, halböffentlichen Innenhof gruppieren und zusammen ein Ensemble bilden. Der längste Bau mit sechs Stockwerken befindet sich an der Noorderlaan und bildet eine Schallbarriere gegen den Verkehrslärm. Die zwei großzügigen Haupteingänge zu den Treppenhäusern liegen zur Straße, dekoriert sind sie mit grünen, leicht changierenden Kacheln, die die Adressbildung unterstützen. Hinter den einzigen zwei Fenstern in Augenhöhe befinden sich Fahrradparkräume, die Wohnungen im Erdgeschoss sind als Hochparterre versetzt.
Die Architektur verzahnt sich mit dem Freiraum. Wände werden zu Treppen werden zu Mauern, die die Terrassen und den Hof umschließen.

Zu den Seiten dieses Riegels sind südlich das höchste Gebäude mit acht Stockwerken und nördlich, ihm gegenüber, das niedrigste mit drei Stockwerken platziert. Der sechsstöckige und der dreistöckige Bau haben unten Maisonettewohnungen, die jeweils über einen eigenen Eingang vom Hof erschlossen werden. Alle Wohnungen verfügen über einen privaten Freiraum-Loggien oder Balkone, zu den Maisonettes gehören erhöhte Terrassen und Pergolen. An den beiden Seiten des dreistöckigen Baus laufen schmale Treppen, die zu einem Laubengang führen, der die oberen Wohnungen erschließt.

Backsteinschein
Die Fassaden sind optisch zweigeteilt: Nur die Fassade zum Noorderlaan ist vollständig mit klassischen, rot-bunten Backsteinen erstellt, ähnlich den alten Industriegebäuden gegenüber am Hafen. Ansonsten wurde dieser dunkle Röben-Stein allein für die Gestaltung der unteren beiden Ebenen verwendet und verleiht diesen Schwere. Dieser Sockel ist teils hervorgeschoben und bildet so Balkone für die zweite Etage. Demgegenüber wurden ab der zweiten Etage kachelartig weiße Klinker eingesetzt. Das Weiß lässt die Baukörper leichter und im Maßstab zurückgenommen erscheinen. Eine Besonderheit der weißen Klinker ist die Vorkerbung der Modulsteine mit einer Scheinfuge, die den geometrischen Charakter des Mauerwerks verstärkt und die Fläche wie ein endloses Superstudio-Grid aussehen lässt. Auch die Fenster unterscheiden sich vom Sockel zu den oberen Etagen und werden nach oben hin schablonenhafter, die Fenstergitter filigraner, in der Wahrnehmung lösen sich die Häuser zum Himmel hin auf.


Wände zu Treppen zu Mauer
Die Architektur verzahnt sich mit dem Freiraum. Wände werden zu Treppen werden zu Mauern, die die Terrassen und den Hof umschließen. Die Übergangszonen zwischen privatem und öffentlichem Raum sind fein herausgebildet und vermitteln zwischen Offenheit und Rückzug. Außerdem geben diese Nahtstellen – die Fassadenelemente und Übergänge zwischen Wohnungen und Gemeinschaftsflächen – den Bewohner:innen die Möglichkeit ihren Wohnraum individuell zu gestalten. Wie die provisorischen Verblendungen der Geländer erahnen lassen, hätten die Bewohner:innen aber am liebsten noch mehr Privatheit.

Nur an einer Ecke des Turms befinden sich die Wohnungsfenster im Erdgeschoss direkt auf Straßen- und Hofniveau, um den barrierefreien Zugang zu gewährleisten. Ansonsten fühlt man sich nirgends, wie oft in Neubaugebieten, als würde man plötzlich in jemandes Wohnzimmer stehen. Vielmehr beruhigen die klaren Markierungen zwischen öffentlichem und privatem Raum und laden auch Passanten zum vorbehaltlosen Aufenthalt im Hof ein. Die Tatsache, dass der Hof nur zu einer Seite offen ist, macht klar, dass er in erster Linie den Bewohner:innen gehört und alle anderen zu Besuch sind.
Es ist ein Wagnis und ein Statement, heutzutage ein Ensemble zu entwerfen. Das Projekt von Collectief Noord folgt den Ideen der New-Town-Planung und strahlt einen Glauben an deren demokratische und nachbarschaftliche Ideale aus. Es ist ein kritischer Kommentar zur derzeit gängigen Praxis, Großwohnsiedlungen weltweit zu beseitigen, anstatt neue Strategien für sie zu formulieren. Collectief Noord engagiert sich für die Neuinterpretation des modernistischen Erbes sowie des sozialen Wohnungsbaus und füllt sie mit einem starken architektonischen Konzept und mit Wohnlichkeit. Während die großen Ziegelflächen und die sachliche Geradlinigkeit eine kühle, zeitlose Schönheit vermitteln, geben die Übergänge vom Gebäude zum Stadtraum und die feine Fassadendetaillierung Raum für Gemütlichkeit und Vitalität. Alle Ebenen sind rhythmisch-poetisch verbunden. So wird hier der städtische Wohnraum, in dem das Individuum zwischen Wohnung und Stadt platziert ist, in dem Menschen zusammenwohnen, ernst genommen.
Projektreportage
Architekten
Collectief Noord wurde 2011 von Erik Wieërs, gemeinsam mit Pieter Eeckeloo, Christopher Paesbrugghe, Hans Van Bavel und Peter Wils in Antwerpen gegründet. Collectief steht für die Idee, dass das Teilen eines kollektiven Gedankens wertvoller ist als eine individuelle Überzeugung. Die Arbeit geht vom Kontext aus, dabei ist die flämische Tradition wichtig. Die Arbeit umfasst den sozialen, genossenschaftlichen und privaten Wohnungsbau, öffentliche Bauten wie Schulen und Senioreneinrichtungen sowie städtebauliche Studien.
www.collectiefnoord.be