Wir wollen Projekte mit gesellschaftlichem Anspruch realisieren
- Interview: Marie Bruun Yde
- Fotos: Dennis De Smet
Anstatt sich von der Umgebung zu isolieren, soll sich das Sozialwohnungsprojekt für Luchtbal zur Umgebung hin öffnen und den urbanen Zusammenhalt fördern. Peter Wils, Mitgründer von Collectief Noord, im Interview.

Ihr Projekt in Luchtbal weist eine feine Aufteilung zwischen privatem, halbprivatem und halböffentlichem bis hin zu öffentlichem Raum auf. Welche Gedanken verbinden Sie mit diesen verschiedenen Nuancen von Begegnung und Rückzug?
Wir haben versucht, ein behutsames Gleichgewicht zu schaffen. Die Grenzen zwischen öffentlichen und privaten Räumen werden durch Terrassen und Details markiert, die für mehr Privatsphäre in den einzelnen Wohnungen sorgen, gleichzeitig aber auch eine Geste in Richtung des gemeinschaftlichen Raums darstellen. Wir haben die Brüstung der an den Platz angrenzenden Terrassen als einen eher geschlossenen Zaun gestaltet und die meisten Wohnungen ein paar Stufen höher als den Platz gesetzt, um den privaten Bereich der Menschen besser zu schützen. Da hier viele verschiedene Familien zusammenleben, sollte der gemeinschaftliche Raum kein zu konkretes Programm haben, sondern vielseitig nutzbar sein. Man braucht eine neutrale Zone mit einem harmonischen Klima, einen Raum, den alle nutzen und in dem sie sich wohlfühlen können.
Wie haben Sie für Flexibilität in den Wohnungen gesorgt?
Durch die Anordnung möglichst vieler gleicher Wohnungstypen pro Gebäude erhält man einen weitgehend identischen Aufbau für jede Etage, was kostengünstig ist. Auch wurden die Stützweiten geringgehalten. Das bietet die Möglichkeit, alle nicht tragenden Wände im Inneren zu versetzen und die Räume größer oder kleiner zu gestalten. Darüber hinaus haben wir einen Großteil der Wohnungen geräumiger angelegt, damit sie an die Bedürfnisse von Rollstuhlfahrern angepasst werden können.

Sie vergleichen den Komplex mit einem „Belvedere“.
Inspiriert hat uns der Rabenhof in Wien. Seine Gestaltung und die Gliederung der Gebäudeteile schaffen ein Netz von Straßen, Passagen, Höfen und Plätzen, die private und gemeinsame Bereiche mit dem öffentlichen Raum verflechten. Wir wollten, dass das Projekt eine gewisse Offenheit ausstrahlt, anstatt sich von der Umgebung zu isolieren. Indem wir die Gebäude um den Platz gruppieren und sie zum Spielplatz hin öffnen, wirkt das Ganze wie ein Belvedere mit Blick in die Landschaft. Die Erhöhung trägt dazu bei, dass sich der Platz als Gemeinschaftsraum anfühlt, obwohl er öffentlich bleibt.
„Soziale Wohnungsbauprojekte oder öffentliche Programme haben größeren Einfluss auf das Umfeld. Wir wollen einen Beitrag für die Stadt und das öffentliche Leben leisten.“
Was ist das Besondere an der Gestaltung eines Ensembles im Gegensatz zu einer Ansammlung individueller Gebäude?
Der Bezug des Ensembles zu den modernistischen Bauwerken in der Nachbarschaft hat vor allem mit dem Maßstab zu tun. Diesen großen Maßstab greifen wir auch in der Ausgestaltung der oberen Fassaden auf, die eher repetitiv ist. Aber im Gegensatz zu dem undefinierten offenen Raum in dieser Umgebung wollten wir einen definierten, intimen Raum schaffen. Der Mensch als Maßstab ist ebenso wichtig, man sollte seine Wohnumgebung wiedererkennen und sich zu Hause fühlen. Wir haben versucht, eine heimeligere, behagliche Dimension zu schaffen. Die Verwendung von Klinkern trägt auch dazu bei, das Gebäudevolumen optisch zu verkleinern.

Warum haben Sie mit zwei verschiedenen Sorten gearbeitet?
Mit den Materialien wird das urbane Narrativ unterstrichen. Wir wollten die unteren Ebenen detailliert gestalten. Mit dem großen roten Ziegel wurde ein Bezug zur nahe gelegenen Gartenstadt hergestellt, er hat einen handwerklichen Charakter und bringt die Fenster zur Geltung. Das große Format des Ziegels unterstreicht den kleinen Maßstab. Ein kleinerer Ziegel mit mehr Fugen würde den Eindruck von großem Maßstab vermitteln. Im Gegensatz zum roten Ziegel ist der weiße Ziegel abstrakter. Er kommuniziert mit der Luft und nicht so sehr mit dem unteren Bereich, er bildet eher einen Hintergrund.
Ist für Sie mit dem Bau von Sozialwohnungen ein bestimmter Auftrag verbunden?
Wir wollen diese Art von Projekten wegen ihres gesellschaftlichen Anspruchs realisieren. Aus diesem Grund bauen wir keine freistehenden Häuser oder sonstigen Privathäuser mehr. Soziale Wohnungsbauprojekte oder öffentliche Programme haben größeren Einfluss auf das Umfeld. Wir wollen einen Beitrag für die Stadt und das öffentliche Leben leisten.
Welche Vorschriften gibt es für den sozialen Wohnungsbau in Belgien?
Bei den Regelungen für den sozialen Wohnungsbau geht es vor allem um die Quadratmeterzahl. Die Wohnungsbaugesellschaften erhalten Zuschüsse für eine bestimmte Anzahl von Quadratmetern, und für jeden Quadratmeter, der darüber hinausgeht, muss die Gesellschaft selbst aufkommen. Außerdem bekommen die Wohnungsbaugesellschaften nur Geld für die Wohnungen und nicht für die gemeinsamen Bereiche. Wenn man zum Beispiel eine große Eingangshalle baut, werden diese Quadratmeter unter den Wohneinheiten aufgeteilt. Deshalb wollen viele Wohnungsbauunternehmen diese gemeinsamen Innenräume möglichst klein halten. Das ist schade, denn in diesen Gemeinschaftsräumen kann man sich treffen und es können verschiedene Dinge stattfinden. Generell ist es schwierig, großzügige Räume zu schaffen, in denen Menschen zusammenkommen können. Wir bedauern auch, dass das Programm in Luchtbal nur Wohnungen umfasst. Ursprünglich waren auch Büros vorgesehen.
Allerdings gibt es in Belgien überdurchschnittlich gute staatliche Strukturen zur Förderung der Qualität in der Architektur.
In größeren belgischen Städten – Gent, Brüssel, Charleroi und Antwerpen – gibt es einen Bouwmeester, der dazu beiträgt, für eine bessere Qualität der Architektur zu sorgen. Kollektive Räume gewinnen an Aufmerksamkeit. Es wird versucht, in Pilotprojekten designbasierte Forschung zu betreiben, mit dem Ziel, unser Lebensumfeld zu verbessern. Dabei hat jeder Bouwmeester seine eigenen Schwerpunkte. Mitgründer von Collectief Noord Erik Wieërs setzt beispielsweise darauf, Gelegenheiten für Begegnungen zu schaffen. In einem dicht bebauten Land wie Belgien sind gemeinsame Räume wichtig. Gemeinsam genutzter Raum schafft nicht nur Möglichkeiten für Begegnungen, sondern auch für kompakteres Wohnen, sodass wieder vermehrt auch größere zusammenhängende Grünflächen entstehen können.