Solide Vielfalt
- Autorin: Olaf Bartels
- Fotos: Sven Otte Fotografie
Die Hafenpassage von Hilmes Lamprecht Architekten besteht zu drei Vierteln aus geförderten Wohnungen und ermöglicht ein Leben in der Stadt der kurzen Wege. Sie ist in vielerlei Hinsicht ein wichtiger und gut eingefügter Baustein der neuen Bremer Überseestadt.

Backsteinfassaden, besser: Klinkerfassaden haben in Bremen nicht nur Tradition. Sie sind auch ein wesentlicher Teil des Stadtbildes der Hansestadt. Aber nicht nur historisch, wie es etwa in der innerstädtisch gelegenen Böttcherstraße mit Fassadengestaltungen in der expressionistischen Manier eines Bernhard Hoetgers und betontem Bezug auf traditionelle Bauweisen zu finden ist, spielt das Baumaterial eine wichtige Rolle.

Auch heute ist es längst wieder im Alltag präsent – mit Neu-bauten in der Innenstadt ebenso wie in dem groß angelegten Projekt der inneren Stadterweiterung, der Überseestadt in den alten Bremer Hafenanlagen. Die Speicher werden hier neu und gut gemischt genutzt. Ihr Betonskelett kleiden ebenfalls die Klinkersteine. Die Kleiderordnung ist am ehemaligen Überseehafen eher nüchtern und weniger exaltiert als in der Innenstadt, aber sie ist dominant, und die neuen Bauten müssen sich an den alten Dresscode halten. Mit der Farbe ist man in der Überseestadt nicht so streng. Es gibt hellrote, dunkelrote, beige, graue aber auch gelbe Steine an den Wänden, aber Klinker müssen es sein, zumindest muss die Fassade so aussehen.

Lücke zum Hof
Das Architekturbüro Hilmes Lamprecht und ihre Bauherrschaft aus Bremen haben sich beim Neubau von über 200 Wohnungen sowie einer Kita, Läden und Büros im Erdgeschoss für die Verwendung eines soliden Vollsteins an den Fassaden entschieden. Die rötlich-gelbe Farbe des Röben MOORBRAND lehm-bunt nimmt konkret Bezug zu den Speicherbauten auf, die nur wenige Schritte von diesem Häuserblock entfernt stehen. Verwechslungen sind indes ausgeschlossen. Dafür sorgt schon die Vielzahl an Balkonen mit ihren gemauerten Brüstungen, die wie die ebenfalls in üppiger Zahl vorhandenen Loggien dem Gebäude einen eindeutigen Wohncharakter geben.
Zwei winkelförmig angeordnete Baukörper umfassen einen grünen Innenhof, der mit der Bebauung auf einer Tiefgarage ruht. An zwei Seiten des Hofes halten die Bauten Abstand. Durch eine der Lücken ist der Hof zugänglich. Die andere ist im Erdgeschoss durch den flachen Bau der Kita verschlossen. Wind, vor allem aber die Sonne, können die Lücken gut nutzen. Maßvoll durchlüften und bescheinen sie den Innenhof. Dieser spendet den Wohnungen zudem vor allem Ruhe, denn der Betriebslärm ist im alten Überseehafen und am Großmarkt, dessen Standort hier zur Mischung der städtischen Nutzungen bewusst belassen wurden, besonders durch den Lkw-Verkehr noch immer beträchtlich. Balkone und Loggien sind an den Außenfassaden deshalb in der Regel mit Lärmschutzverglasung ausgestattet. Allerdings nur dann, wenn die Wohnungen keinen zweiten Balkon in ruhiger Hoflage haben.


Ausnutzung des Grundstücks
Tiefgarage, zwei Balkone, manche Wohnungen haben ein Gäste-WC, solides zweischaliges Mauerwerk mit 16 Zentimeter dicker Dämmung, drei Zentimeter Luftschicht und Vollsteinverblender, dazu Holzhandläufe in den Treppenhäusern. Der Standard in diesen Wohnungen ist hoch und man könnte sie fast auf einem hochpreisigen Markt vermuten. Das ist aber weit gefehlt. 149 der insgesamt 203 Wohnungen in der Hafenpassage sind im geförderten Wohnungsbau der Freien Hansestadt Bremen entstanden. Lediglich 54 Wohnungen, also etwa ein Viertel, sind frei finanziert. Man mag sich fragen, wie das möglich ist, aber die hohe Ausnutzung des Grundstücks mit sechs, zum Teil sieben Geschossen und eine Gebäudetiefe von etwa 17 Metern geben den Ansatz für eine Erklärung. Die hohe Gebäudetiefe und die innen liegenden Treppenhäuser eröffnet neben der hohen Grundstücksausnutzung weitere Vorteile: Das Verhältnis von Gebäudevolumen und Außenwänden ist energetisch interessant, weil die Oberfläche des Baukörpers kleiner ist als bei einer geringeren Tiefe. Außerdem kann die Mischung von Wohnungen unterschiedlicher Größe leichter gelingen und ihre Erschließung sehr effizient gestaltet werden. In diesem Fall können drei, meistens vier Wohnungen je Etage über ein Treppenhaus erreicht werden. Die Bäder und die offenen Küchen liegen dann in der Gebäudemitte, so dass den Wohnräumen genügend Licht bleibt.

Kompaktes Leben
So kompakt wie die Wohnungen um die Treppenhauskerne angelegt sind, wirkt auch der Baublock, dessen äußere Struktur allein durch die vielen auskragenden Balkone und das durchgängig verwendete Klinker-Fassadenmaterial geprägt wird. Dafür sorgen nicht zuletzt die gemauerten Brüstungen, die einen individuell gestalteten Sichtschutz überflüssig machen. Kompakt lässt sich auch das Leben in der Hafenpassage gestalten: Eine Kita ist gleich im Haus, ein Bäcker ebenfalls. Arbeitsplätze liegen in der Nähe und sind auf kurzen Wegen erreichbar. Letztendlich ist auch die Bremer Innenstadt nicht weit entfernt und mit öffentlichen Verkehrsmitteln gut angebunden.
Projekt 2
Architekten
Hilmes Lamprecht Architekten
Die Projekte von Hilmes Lamprecht Architekten stehen im städtebaulichen Kontext und antworten auf räumliche Gegebenheiten. Mit verschiedenen Fachdisziplinen führen sie ihre Ideen auf eine machbare Ebene, die neben entwurflich-gestalterischen Haltungen auch präzise Antworten auf die heute vielschichtigen Anforderungen liefern. Neben Wohn- und Verwaltungsbauten bilden das Bauen im Bestand, die Transformation von denkmalgeschützten Gebäuden sowie städtebauliche Arbeiten Schwerpunkte ihrer Arbeit. Kultur-, Bildungs- und Gesundheitseinrichtungen erweitern das Portfolio.